Wir starten um 0930, gut gefrühstückt und wollten erstmal die Insel umrunden, so der grobe Plan. Wir brauchen ja nichts "runterreissen", da wir massig Zeit haben. Auf dem Weg aus der Bucht von Portoferraio beschließen wir, im Uhrzeigersinn zu gehen. Bis zum NE Kap ist der Wind eher mau, aber kaum die Spitze gerundet, steht ein schöner Wind aus Nord bis Nordost, so daß wir mit Groß und Genua 2 schöne Fahrt machen, erstmal eine Bavaria 35 versägen. Die vela kommt in der sich aufbauenden Welle ab und zu mal ins Geigen, läßt sich aber problemlos steuern. Unter Land nimmt leider der Wind nach zwei Stunden merklich ab, so daß wir ein wenig weiter raus halten, um nicht irgendwann doch den Motor anwerfen zu müssen.
Die Südküste von Elba ist recht farbenreich duch die roten Felsen, Pinien, und Felder. Sehr entspannend. Unser Ziel, Porto Azzurro erinnert mich immer an den Gassenhauer von Adriano Celentano...
Azzurro,
il pomeriggio è troppo azzurro
e lungo per me.
Mi accorgo
di non avere più risorse,
senza di te,
e allora
io quasi quasi prendo il treno
e vengo, vengo da te,
ma il treno dei desideri
nei miei pensieri all'incontrario va.
*** srry: Volker hat mich gerade darauf aufmerksam gemacht,
daß das Lied von Paolo Conte ist ***
Die Passage mit quasi quasi und dem Zug - naja. Italienische Schmachterei...
Vor "Azzurro" ist kein Wind. Oder eher eine Konvergenzzone. Eben noch 1bft aus inzwischem sE Wind, aber durch den V-förmigen Einschnitt im Land, in dessen Scheitelpunkt der Hafen liegt, eine satte 3-4 aus NW/NNW. Madame macht das, was sie eben immer tut: Batsch auf die Seite, wusch auf 5kn beschleunigen und los geht der Ritt und du kommst aus dem "lazy summer sailing mode" und musst richtig arbeiten, Schoten aktiv fahren, flachtrimmen.
In Porto Azzurro bekommen wir einen schönen Platz neben einem Fischerboot am Schwimmsteg, der Marinero drückt uns die Infobroschüre mit Stadtplan in die Hand. Ein nettes Willkommen. Es gibt Strom (fürs kalte Birra Morretti) und Wasser. Der dunkelgrüne Rumpf ist nach einem Tag segeln mit lauter kristallinen Salzpartikeln übersät. Es gab ja eine Zeit, wo ich über den Süßwassereinsatz auf Yachten im Hafen nur den Kopf geschüttelt habe. Aber wir werden auch zu Bootsputzern und sprühen und wischen drauflos. Lekker, wenn die Fenderüberzüge mit Salz drin auf dem Lack reiben, das gibt ordentlich Kratzer. Der Wassereinsatz hält sich aber in Grenzen, wir sind schnell.
Danach ein kaltes Getränk. Dann HUNGER. Inzwischen ist es 15:00, viele Geschäfte machen erst um 16:00 wieder auf. Und jetzt? Krise? Normal ja, weil Petra und ich bei Anzeichen von "Unterzucker" recht schnell was zwischen die Kiemen brauchen, sonst wird die Stimmung schlecht.
Wir laufen los und finden eine Bar, vor der lauter ältere Herren sitzen und ziemlich lautstark diskutieren (über Politik, die Renten, Berlusconi, die Sozialisten ...). Fein fein. Das ist einer der Orte, wo ich gerne bin. Innen, im Halbdunkel, sitzt die Chefin und wir fragen nach einer Cola und einem Panino - was aufgrund gähnender Leere in der Vitrine ziemlich aussichtslos erschent. Aber sie erkennt den Ernst der Lage und macht Monstersandwiches, mit bestimmt 250g bestem Schinken, Käse; in einem Brot verpackt überbacken. Boah. Gut.
Nach dem essen gehen wir in den Sonnenschutz zum Schiff zurück, lesen ein wenig und dösen, machen uns noch einen Espresso und geniessen danach das Hafenkino, denn immer mehr Schiffe drängeln in den Hafen hinein.
Drei Begebenheiten des Abends:
1. Es kommt eine Flottille. Bestehend aus insgesamt 11 Schiffen, alle um die 30 Fuss, verschiedenste Hersteller, alle aus Frankreich. An der Reling haben alle ein Banner, auf dem "Transligurienne" steht. Eine Bavaria 31 Cruiser liegt direkt neben uns, und der Eigner bereitet bei französischen Chansons das hors d'oevre vor. Schön. So möchte ich auch mal nit 60+ auf dem Schiff sein und es mir gut gehen lassen.
2. Russisch Anlegen. Der Hafen ist ja eigentlich voll, und jeder, der jetzt noch kommt, muß vorm Hafen auf Reede ankern. Das sieht ein russischer, lautstarker und augenscheinlich betrunkener Skipper wohl anders und will sich in der Gasse seitwärts an den "Kollegas" festmachen. Das geht nur nicht, weil ja Murings liegen, deren Muringleinen in 30° Winkel in die Gassenmitte liegen. Die Marineros bringen ihn mit 3 Schlauchis und viel Geschrei plus der Drohung, die Guardia Costiera zu holen davon ab. Die Hafenjungs kommen uns auf dem Steg entgegen und schütteln nur den Kopf.
Ich hab ja wirklich nichts gegen Osteuropas Bewohner, echt nicht. Aber vorgreifend: Wir haben in den zweieinhalb Wochen in dem Seegebiet so viele russischsprechende erlebt, die sich so derart daneben benommen haben, daß es allen anderen Gästen in den Häfen, ob Franzosen, Italiener, Spanier, Holländer oder Engländern höchst peinlich war. Null Respekt, null Maß für Alkoholkonsum, extrem prollig.
3. Fleur du vent. Das ist der Name eines Selbstbauprojektes aus dem Raum Luzern. Wir sehen eine Schweizer Registrierung mit LU, ein kleines, flaches Teilchen. Ein wenig Jollenkreuzermäßig. Da müssen wir dann mal hin. Wie sich herausstellt, ist Gregor Bootsbauer und hat diese kleine Yacht selber gezeichnet und mit 3 Freunden gebaut. Sperrholz- Knickspant, Hubkiel, Gennaker, Trapez, Wasserballast, Doppelruder und ein Carbonspargel vom Tornado. Unglaubliche Flunder, 6,6 Meter lang - das Garagengrenzmaß.
Warum erfindet die Werft- Marketingwelt die Chines, die jetzt jeden noch so lahmen Pott zum Cruiser/Racer macht? Gregor hat mit dem Multiknickspant automatisch Chines, und die sind bei der Fleur du Vent auch nötig. Die beiden sind vor zwei Tagen im Glitsch bei +20kn Wind mal eben von Salivoli nach Capraia geheizt, Gregors Freund, der das erste Mal segelt, war die ganze Zeit im Trapez. Gute initiierung (25 Meilen). Wem es da nicht etwas schwummrig wird, mit kurz über 6 Metern bei der Welle... der wird halt Segler. Hut ab, Respekt. Wir trinken einen leckeren Grappa als Absacker bei uns im Cockpit und gehen dann schlafen.