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Leichtwind Trimm Anleitung

Es ist wieder Ein-Segel-Tag

Mittagszeit am Bodensee im Sommer. Nach verheißungsvollem Auftakt mit dem Rheintaler, dem Südwind, der früh morgens für Segelspaß zwischen Lindau und Langenargen sorgt, stellt der Wind um halb elf die Arbeit ziemlich ein. Nur kleine Wellchen indizieren das Vorhandensein von Wind. Die aufgetragene Sonnencreme läuft in die Augen und brennt ganz fürchterlich, Enten überholen schwimmend und die ersten Flugtierchen werden vom orangen Rettungsring angelockt.

Bei kleinem Lufthauch noch segeln?

Einpacken? Motor an? Treiben lassen? Oder doch versuchen, bei dem kleinen Lufthauch segelnd das Ziel zu erreichen?

Wir entscheiden und häufig fürs Segeln, auch bei Leichtwind. Auch, weil viele Regatten am Bodensee ziemliche Leichtwindkrimis sind. Übung machts.
 

Erste Grundvoraussetzung...

...für Spaß bei leichtem Wind

Weg mit dem Gerümpel an Bord.
Im Laufe einer Saison sammelt sich immer allerlei unnötiger Kram an. Wasser bremst mehr als Luft. Ein schweres Schiff braucht mehr Energie, um in Fahrt zu kommen. Es läuft dann aber auch länger durch das nächste Windloch. Gerade bei einem kleinen Schiff macht sich unnötiges Gewicht sehr schnell bemerkbar - wenn es dann auch noch schlecht gestaut ist, ist die ganze Kiste vertrimmt.

Zweite Grundvoraussetzung: Länge läuft!

Das ist die Fortsetzung des letzten Satzes aus dem vorigen Absatz. Warum nicht den 2 Mitseglern den wunderbaren Platz auf der Bugspitze anbieten und so 150kg lebendes Trimmgewicht nach vorne bringen und das Heck entlasten? Den Prosecco oder Aperol Spritz kann man ja auch durchs Vorschiffsluk anreichen...
Bei unserer Kleinen sind diese 2 Crewmitglieder fast 10% des Verdrängungsgewichtes, Sitzen wir zu dritt oder viert im Cockpit, saugt sich das Heck fest, während der Bug nicht vollends eintaucht.

Nordlicht an Pfützensegler

Gedanklicher Ausflug: Nordlicht an Pfützensegler
Als Fischkopp habe ich das Segeln auf den Alpenseen (Bodensee, Chiemsee, Starnberger See etc.) immer eher belächelt: Anspruchsloses Rumgedümpel.

In Kiel gehste morgens auf den Steg, streckst den nassen Finger in die Luft, kalkulierst 3 oder 4 oder 5 Beaufort. Wählst dein Segel und "rock and roll".

Aber warum kommen Segler wie Manfred Curry, Markus Wieser, die Maggs oder Eckhard Kaller - allesamt recht erfolgreich - aus dem Süden, von eben diesen Leichtwindpfützen?

Liegt das etwa an der intensiveren gedanklichen Beschäftigung mit dem Sport, mit Trimm und Taktik - an der sportlichen Aufgabe, auch bei wenig Wind schnell segeln zu können? Bei Windstärke vier rumballern kann ja jeder!

Dritte Grundvoraussetzung: Tell Tales, Windfäden

Die Windfäden im Vorsegel sind paarweise angebrachte Wollfäden, 3 bis 5 Stück, angebracht ca. 10-20 cm parallel zum Vorliek.

Im Topp des Vorsegels ist im Bereich des obersten Trimmstreifens noch ein Streifen Spinnakertuch angebracht. Das Großsegel hat achtern auch Spinnakertuch- Trimmstreifen, insgesamt 4 Stück, die etwas oberhalb der Lattentaschen angebracht sind.

Im Laufe einer Saison fahren wir uns die zwei oberen meist ab, weil das ausgestellte Großsegel bei wenig Wind am Achterstag hängenbleibt und die Trimmstreifen "rasiert". Aber die sind schnell wieder angebracht: Reservestreifen aus Spituch und ewas Spitape - fertig.

Was scheinbar fehlt: Wind und weniger Wind

Ganz leichter Wind hat die Eigenschaft, mit steigender (Mast-) Höhe zuzunehmen. Über Deck kommt der Hauch spitzer als am Windex an. Oder: Im Masttopp ist der Wind raumer als unten am Großbaum. Das Zeugs heißt laminarer Wind. Die Windgeschwindigkeit liegt bei < 4 kn. In Konsequenz heißt das, daß die Segel oben weiter geöffnet sein müssen, als unten. Und das geht: Mit Twist auf Amwindkurs.

Los gehts: Grundtrimm mit tiefen Segelprofilen.

Achterstag bleibt lose. Anballern der Fallen ist nicht, beide Segel so setzen, daß gerade eben noch Horizontal- Falten in den Vorlieken zu sehen sind, wir machen das so, daß wir die Segel erst normal durchsetzen und dann ganz leicht die Fallen fieren.
Die Genuaschot wird so verstellt, daß sie von der Normalposition etwas nach vorne versetzt wird.
Die Profiltiefe des Groß mit dem Unterliekstrecker unterstützen.
Wir habe gute Erfahrungen mit einem leicht gelösten Unterliek - nicht total schlabberig.

Schoten dicht, auf AmWindkurs, im Vorliek des Vorsegels sollten alle Fäden sauber nach hinten auswehen. Nicht versuchen, die inneren Fäden zum Steigen zu bringen - dazu ist zu wenig Wind!

Etwas mit dem Ruder spielen, alle Windfäden sollten sich gleichmäßig verändern (steigen / fallen). Wenn dem nicht so ist, stimmt die Einstellung der Genua Leitschiene nicht - nachkorrigieren. Klar soweit?

Wenn die Vorsegel- Vorliekfäden dann den Paartanz machen, dann sollte  im Achterliek der Genua der/die Windfäden nach vorne klappen.
Jetzt die Genualeitschiene, den Holepunkt nach achtern bringen, bis alle Fäden im Vorliek und im Achterliek auswehen. Puh. Fertig mit dem Vorsegel.

Twist für das Groß

Die Standardeinstellung wird sein, daß das Groß für den Amwindkurs bei mittigem Traveller eingestellt ist. Der Traveller wird jetzt so weit nach Luv gezogen, bis der unterste Windfaden nicht mehr ausweht - denn dann ist das Groß bei laminarem Wind unten zu dicht. Das kann bedeuten, daß der Baum sogar nach Luv steht! Die Großschot dann so weit fieren, bis der oberste Windfaden gerade so ausweht.

Das Ganze gilt für den Am Wind Kurs. Wenn tiefer gefahren werden soll/kann, benötigt man weniger Twist. Also Traveller wieder Richtung Mitte, Genuaverstellung nach vorne - so daß alle Fäden möglichst auswehen.

Ruder?

Ruder gehen bzw. Ruder halten, nicht Ruder rühren! Ruderbewegungen möglichst sparsam, sonst bremst es. Nie Höhe kneifen wollen. Das funktioniert bei leichtem Wind nicht. Laufen lassen - Luvfaden im Vorsegel immer nach hinten auswehen lassen, niemals steigen lassen. Das ist für mehr Wind zwar gut, aber den haben wir ja nicht.

Etwas mehr als ganz leichter...

Der Hauch Wind wird zum turbulenten Wind.

In Windgeschwindikeiten angegeben > 4 kn - die leichte Brise. Jetzt blidet sich ein turbulenter Oberflächenwind, der ab einem Meter über der Wasseroberfläche nicht signifikant stärker wird. Und daraus ergibt sich ein leichtes Umtrimmen, denn soviel Twist ist ja nicht nötig, denn der Wind ist im Masttopp nicht raumer.
Genua: Holepunkt weiter nach vorne, etwas mehr Schotzug. Bis der Windfaden/Spistreifen im Achterliek nach vorne klappt. Dann die Schot etwas fieren, bis der Faden wieder ausweht. Das Ganze spielt sich u.U. auf 5 Zentimetern Schotweg ab. Das Groß wird getrimmt, indem der Traveller wieder in Richtung Mittschiffs geht, dementsprechend den Schotzug erhöhen, bis der oberste Streifen im Achterliek des Großsegels ab und zu nach hinten vorne umklappt. Der Großbaum sollte mittschiffs sein.

Leselektüre

teilweise sehr wissenschaftlich: Czesław Marchaj, Aerodynamik und Hydrodynamik des Segelns, Frank Bethwaite "Hochleistungssegeln".

Letzteres gibt es neu auf Deutsch